|
Learn languages (via Skype): Rainer: + 36 20 549 52 97 or + 36 20 334
79 74
|
|
------------------------------
|
|
Heiliger Kreuzzug der Armen
Schweißgebadet wachte er auf. Er wusste nicht mehr, wie
er an diesen verlassenen Ort gekommen war, nur die Worte des Dorfpredigers
klangen ihm noch in den Ohren: „Die Kinder werden die Welt regieren und
Gottes Reich schaffen! Die Letzten werden die Ersten sein! Nur ein Armer
passt durch das Nadelöhr.“ Und danach gab es eine Lücke in seinen
Erinnerungen.
Es war kalt und schon fast Nacht, die erste Eule begann
ihren Jagdschrei: „Uhuuu, uhuuu!“ Noch eine Weile blieb er liegen, dann erhob
er sich. Kleine, funkelnde Augen blickten ihn aus dem Dickicht an. Der
Mondschein warf verschiedenste Schatten. Und da war es wieder, jetzt
erinnerte er sich an einen Augenblick, bevor er ohnmächtig zusammengebrochen
war. Ein Mann mittleren Alters, mit ungekämmten Haaren, Blut an der Stirn und
einem dreckigen, einmal sicher weißen Gewand sprach zu ihm: „ Geh, sammle die
Armen und Kinder und erobere mein Grab zurück, geh nach Palästina!“ Dann
verschwand die Erscheinung wieder, nur der Mond schien durch die Blätter der
Bäume und Sträucher am Rande der Lichtung, auf der er stand.
Langsam bewegte er sich in eine Richtung, in der er einen
Trampelpfad vermutete. Jetzt hatte er keine Angst mehr, weil er wusste, was
sein Ziel war: „Palästina, das Grab von Jesus!“
Seine Mutter war eine Magd gewesen, sein Vater
wahrscheinlich der Bauer. Als ihr Bauch langsam sichtbar wurde, versteckte er
sie. Er hätte sie auch wegschicken können. Niemand hätte ihn deshalb
gescholten, oder ihn des Ehebruchs beschuldigt. Dies galt nur für die Frauen.
Alle im Dorf hätten ihr die Schuld in die Schuhe geschoben. Und so wuchs er
als uneheliches Kind im Wald auf. Nachdem seine Mutter gestorben war, begab
er sich auf Wanderschaft. Irgendwann beschäftigte ihn dann ein Bauer als
Hirte. Die Kost war knapp und Hunger sein ständiger Begleiter. Er sammelte
Pilze, Bären und Kräuter, obwohl sie ihm nicht alle bekannt waren. Manchmal
lag er stundenlang wie im Koma.
Der Wald öffnete sich und irgendwo zu seiner Rechten ließ
sich ein Hund hören. Wenn es hell wurde, würde er dort um ein Stück hartes
Brot bitten.
Es war ein Marktplatz mit einer Kirche. Hier versammelten
sich jeden Sonntag die Leute aus der ganzen Umgebung. Die Leute bauten gerade
ihre Stände auf. Vor und nach der Messe wurde gehandelt, verkauft und
getauscht. Während der Messe brauchte man einen Wächter für die Ware und der
Knecht oder Hirte würde dafür ein zusätzliches Stück trockenes Brot bekommen.
Ein Knecht gab ihm die Hälfte von seinem und konnte
deshalb in die Kirche gehen und der Messe beiwohnen. Nachdem er das Stückchen
verschlungen hatte, erinnerte er sich wieder an seine Mission und als die
Leute aus der Kirche kamen, stellte er sich in die Mitte und schrie wie ein
Besessener: „Ich habe den Messias gesehen, er ist mir erschienen. Wir müssen
nach Palästina gehen und reiche Grab Jesus suchen.“ Viele lachten über ihn,
feilschten weiter um günstigere Preise. Nur ein paar Hirten und Knechte
liehen ihm ein Ohr. Besonders das Wort „reich“ erregte ihre Aufmerksamkeit.
Er wusste nicht, wie lange er gesprochen hatte, aber als
er den Platz verließ, schlossen sich ihm zwei junge Leute an. Sie begleiteten
ihn, bis sie aus Sicht- und Hörweite des Ortes gekommen waren und wollten ihn
ausrauben. Sie suchten das „reich“, das es natürlich nur in seinem Gehirn
gab.
Von dem Schlag auf seinen Hinterkopf erwachte er erst ein
paar Stunden später, wieder allein. Aber dieses Missgeschick erweckte ihn
nicht, sondern machte ihn nur noch überzeugter, auf dem richtigen Weg zu
sein. An der nächsten Quelle wusch er sich das getrocknete Blut aus dem Haar.
Immer mehr Leute schlossen sich ihm an, bald waren es
einhundert. Sie wussten nicht genau, wohin sie zogen, aber Palästina war
überall. Wenn sie in die Nähe eines Dorfes kamen, trat ihnen sofort der
Bürgermeister entgegen und brachte Lebensmittel, um zu verhindern, dass diese
Menge durch den Ort zog. Wahrscheinlich hatte der Würdenträger Angst.
Als er sich mit tausend Mann einer größeren Stadt
näherte, stand ihnen eine Gruppe von Soldaten gegenüber, die lieber
ehrfürchtig mit ihnen sprachen. Die vielen Holzkreuze glichen in ihren Augen
sicherlich Lanzen. Der geistliche Leiter der Stadt, die sich um das Kloster
bildete, hatte schon von dieser wandernden Armee Gottes gehört. Er wusste,
dass die letzten Jahre schlechter Ernte die Leute zum Äußersten zwangen. Zu
solchen Zeiten waren auch Kirchen-, Kloster- und Häuserplünderungen keine
Seltenheit. Wer sollte diese hungrige Menge aufhalten, wenn sie einmal ins
Rasen gekommen war und den roten Hahn (Feuer) auf die Dächer der Stadt
setzte? Also ritt er an der Spitze seiner Handvoll Soldaten zu ihnen, bevor
sie ihn erreichten.
Ein lautes Geschrei - „Nach Palästina, zum Grab von
Jesus!“ – empfing ihn. Wie wildgeworden von Hunger und religiösem Fanatismus
brüllten sie durcheinander. Er musste ihnen den Weg ins Grab zeigen, bevor
daraus ein ganzer Bauernaufstand wurde. Sie befanden sich im Voralpengebiet
und der Herbst war schon zu Ende, bald würde es schneien. Als der geistliche
Würdenträger in seinem weißen Gewand mit rosaroter Überkleidung die Hände
hob, war er selbst überrascht, dass die Horde langsam verstummte. „Jesus ist
mir erschienen und befahl mir, euch zu führen,“ rief er. Ein lautes Jubeln
war die Antwort. „Das noble Ziel liegt links von euch“, er zeigte dabei auf
die Berge, „reiche Belohnung wird denen zu teil, die das Grab unseres
Erretters von den Heiden und Moslems befreien. Folgt mir! Ich will euch den
Weg zeigen.“
Mit großer Begeisterung folgten sie ihm. Er führte sie in
die Alpen, immer höher wurden die Berge und tiefer die Täler. Als es eines
Morgens anfing, zu schneien und die Sicht wegen des dichten Flockenfalls sehr
schlecht wurde, ritt er weit voraus und verließ sie. Er wusste, dass diese
Geschwächten den Sturm nicht überleben würden. 2 Tage lang dauerte das
Unwetter, dann kamen die Krähen und andere Wildtiere und erfreuten sich den
ganzen Winter des reichen Mahles Christi, das ihnen Gott so unerwartet
beschert hatte.
|
|
-----------------------------------------------
|
|
--------------------------------------------------
|
|
-------------------------------------------------
|
|
---------------------------------------------------
|
|
|
Heiliger Kreuzzug der Armen
Sunday, 15 November 2015
Subscribe to:
Comments (Atom)